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Hannoversche Allgemeine Zeitung, 19. April 2008
Von allen das Schlechteste
- Unterschichtenarmut, saukomisch:
das Theater an der Glocksee spielt Richard Dressers „Augusta“ -
Von André Mumot

Sobald das Wort „Mindestlohn“ fällt, ist klar: Das hier ist Gegenwartstheater. Aber nicht nur, weil es von Lohndumping und Unterschichtenarmut handelt, scheint Richard Dressers Stück „Augusta“ auf unsere Tage zu passen. In der amerikanischen Reinigungsfirma, um die es hier geht, spionieren die Chefs hinter ihren Angestellten her. Es wird gespitzelt, verleumdet und manipuliert. Ach ja, und es sind natürlich bloß die Frauen, die darunter zu leiden haben. Denn die Männer sitzen entweder karrieregeil auf der anderen Seite des Schreibtischs, arbeitslos vor dem Fernseher oder gleich im Knast. Man kann das also sozialen Bühnenrealismus von heute nennen.
Für das Theater an der Glocksee sind das allemal gute Gründe, das Arbeitsweltdrama von 2005 aufzuführen. Für das Publikum jedoch gibt es andere Gründe, es sich auf keinen Fall entgehen zu lassen. Realistisch ist die Chose ganz gewiss, schön und gut, vor allem aber ist Augusta eine entwaffnend witzige Komödie. Zwei Putzfrauen, die eine krumm und kaputt gearbeitet (Helga Lauenstein), die andere jung und aufstiegswillig (Laetitia Mazzotti), bekommen es bei diesem kuriosen Reigen mit einem neuen Vorgesetzten zu tun. Und jener schmierige Jimmy (Christoph Linder) nutzt sein kleines bisschen Macht sehr effektvoll, um aus allen Beteiligten nur das Schlechteste herauszuholen.
Selten bekommt man im Gegenwartstheater so schneidend witzige, sarkastisch geschärfte Dialoge zu hören, Pointen, die so wohlgesetzt sind und so zielgenau ins Schwarze treffen. Claire Lütcke hat das Stück mit auffällig leichter Hand inszeniert. Die drei Darsteller geben ihren Rollen auf ganz unterschiedliche Weise ein eigenständiges Profil: Helga Lauenstein, weil sie so ungekünstelt da ist. Christoph Linder, weil er auf schauerlich überzeugende Weise übertreibt. Und Laetitia Mazzotti, weil sie, naiv und laut, unschuldig und durchtrieben zugleich, einfach nur eine Freude ist, ein reines Geschenk an das Publikum.
Wie die gesamte Produktion übrigens. Weil sie so viel Spaß macht, weil sie auf hohem Niveau saukomisch ist. Und weil sie am Schluss das Unerhörte wagt: sie macht glücklich, ob man will oder nicht.