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Das Jagdgewehr

von Yasushi Inoue - Deutsch von Oskar Benl - Im Suhrkamp Verlag

Premiere am 21. April 2010 - jetzt reservieren
Gefördert durch die Landeshauptstadt Hannover und das Land Niedersachsen
Mit Helga Lauenstein und Illo Geißler (Schauspiel), Nao Tokuhashi (Tanz), Claire Lütcke (Regie), Ulrike Glandorf (Raum) Maren Lepping (Kostüme) Mit einer raffinierten Konstruktion gelingt es dem Kultautor Inoue in dieser weltberühmten Erzählung, die Geschichte einer tabuisierten Liebe im Bild einer Waffe zu fassen: Sie „… strahlt eine seltsame, blutbefleckte Schönheit aus, die, wenn das Gewehr auf Lebendes zielt, niemals erscheint.“ Drei Frauen, drei Abschiedsbriefe, ein Mann: Blutbefleckte Schönheit zeigt sich im Aufflammen dreifach reflektierter Wahrheit - einander widersprechend und sich gegenseitig verzerrend, in der brüchigen Balance von Begierde und Selbst-Beherrschung, von Entgleisung und Haltung, von Obsession und Vernunft, von „blutbefleckter Schönheit“ und „schimmernd geputzter“ Reinheit - schmerzhafte Schönheit.
Wir versuchen, die vielen Orts- und Personen-Namen einigermaßen richtig japanisch auszusprechen – das hört sich anders an, als man es aufgrund der Schreibweise in der deutschen Übersetzung des Romans von Inoue vermutet:
Josuke Misugi wird als „Dschooské Mißugi“ gesprochen,
Shoko ganz einfach als „Schoko“,
Midori lautet eher „Midoli“ (mit diesem spezifisch japanischen Konsonanten, der weder „l“ noch „r“ ist)
Saiko schließlich ist vermutlich zutreffender europäisiert mit „Aijako“.

Damit sind die vier Hauptfiguren des Romans bereits genannt.
Der Mann, Dschooské Mißugi - ein poetischer Doppelgänger des Ich-Erzählers , welcher wiederum ein erdichteter Doppelgänger des Autors Inoue sein mag – dieser Mann bleibt im Schatten. Die Frauen dagegen zeigen sich uns in ihren Briefen. Drei Briefe, drei Wahrheiten .
Japan, 1934 bis 1947. Das zerstörte Kriegs- und Nachkriegsjapan ist nicht das offenkundige Thema – aber es irrlichtert in dieser Geschichte einer oberflächlich höchst banalen Situation: Ein verheirateter Mann hat über Jahre eine heimliche Geliebte - Aijako. Aijako, die Cousine seiner Ehefrau Midoli, glaubt, dass Midoli nichts von der dreizehn Jahre lang verschwiegenen Leidenschaft ahnt. Im Schatten dieses Geheimnisses wächst Aijakos Tochter Schoko auf.
Schoko genießt die zärtliche Zweisamkeit mit ihrer schon früh geschiedenen und seitdem allein erziehenden Mutter und ist es gewohnt, „Onkel Dschooské“ und „Tante Midoli“ als nächste Verwandte und vertraute Freunde um sich zu haben. Einen Tag bevor sich ihre Mutter mit Gift das Leben nimmt, liest Schoko jedoch deren Tagebuch. Ihre Hoffnung, dort endlich die Wahrheit über ihren Vater Kadota und das Scheitern der Ehe ihrer Eltern zu finden, wird enttäuscht. Stattdessen tut sich vor der noch sehr jungen und unerfahrenen Mädchen-Frau der Abgrund einer verbotenen, auf Betrug und Lüge gegründeten Liebe zwischen ihrer Mutter und ihrem Onkel auf.
Schokos Brief an „Onkel Dschooské“ ist ein Dokument sowohl des Verlusts der Unschuld der Gefühle als auch des Aufbruchs zur eigenen langen Reise in die ungewisse Zukunft als Erwachsene. Schoko ist noch sehr jung und glaubt, „nun“ alles zu wissen.
Sie weiß wenig oder nichts. Das offenbart der Brief ihrer Tante Midoli an ihren Ehemann, an „Herrn Dschooské Mißugi“, Schokos „Onkel Dschooské“. Dreizehn lange Jahre wusste Midoli sehr wohl von der Untreue ihres Mannes – ließ es sich aber nicht anmerken. Dreizehn lange Jahre hat sie nicht nur unter der Kälte ihrer Ehe gelitten, sondern auch allerhand unternommen, um die glatte Fassade ihres Gatten, des „Herrn Dschooské Mißugi“ zum Einsturz zu bringen. Ohne jeden Erfolg.
Es ist Aijako, der eines Tages die entscheidende und womöglich ganz unbewusste Provokation unterläuft: Midoli besucht ihre Cousine und trifft sie in einem auffällig gemusterten Haori (gesprochen eher „Haoli“) an. Midoli erkennt diesen Überwurf als eben das Kleidungsstück, welches ihre Cousine und Nebenbuhlerin vor dreizehn Jahren angelegentlich einer heimlichen Reise mit Dschooské getragen hatte. Midoli hatte die Liebenden damals gesehen - hatte sich aber nicht zu Erkennen gegeben.
Die plötzliche Erinnerung an jenen Moment der Lähmung führt nun zur nicht weniger plötzlichen Offenbarung und damit zur zügigen Befreiung aus einer seit Jahren erstarrten Ehe und Lebenssituation. Midolis Brief markiert wie der von Schoko neben einem Ende auch einen Aufbruch. Es ist allerdings ein verspäteter Aufbruch – und erinnert vielleicht deshalb zuweilen auch an eine atemlose Flucht nach vorn.
Aijakos Brief lässt nur das Ende zu – wenn auch aus einem ganz unvermuteten Grund. Aijako nimmt sich nicht das Leben, um das Geheimnis ihrer Liebe zu bewahren. Das glaubt nur Schoko. Sie ist auch nicht des Lebens müde, weil sie sich von Midoli erkannt fühlt – im Gegenteil: durch diese plötzliche Entlarvung fühlt sie sich endlich, endlich von Betrug und Selbstbetrug befreit und erleichtert. Nein – der Zusammenbruch wird von einer kleinen, namenlosen Nebenfigur ausgelöst: irgendeiner ihrer Onkel, der sie auf der Durchreise besucht, erzählt zwischen Tür und Angel, dass ihr geschiedener Ehemann Kadota, Schokos Vater, nach Jahren wieder geheiratet hat – Im Augenblick dieser Mitteilung wird Aijako von plötzlicher Selbsterkenntnis nieder gedrückt: Kadota war ihr untreu gewesen. Sie hatte die Kränkung weder verzeihen noch vergessen können. Um ihre Seelenqual zu ersticken, hatte sie sich scheiden lassen und sich wahllos in die vermeintliche Liebe zu Dschooské gestürzt. Sie gesteht sich ein, dass sie nicht nur ihre Tochter und ihre Cousine betrogen hat, sondern auch ihren Geliebten und sich selbst. Da nimmt sie Gift, die stolze Aijako.
Der einsame Jäger, Dschooské Mißugi hätte diese Briefe verbrannt, wäre ihm nicht zufällig ein Gedicht in die Hände gefallen, in dem er sich selbst erkennt.

Inoue ist einer der im Westen meistgelesenen Autoren der japanischen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am 6. Mai 1907 als Sohn eines Generalsarztes auf der nordjapanischen Insel Hokkaido geboren, wuchs Inoue seit seinem fünften Lebensjahr bei der Nebenfrau seines Urgroßvaters auf der Halbinsel Izu südwestlich von Tokyo auf. Nach ersten eigenen Gedichten studierte Inoue Jura, Literatur und Ästhetik mit dem Schwerpunkt Romanistik. 1937/ 38 nahm er sieben Monate lang am japanisch-chinesischen Krieg teil. Bis 1951 arbeitete er als Feuilletonjournalist. Nach der Verleihung des Akutagawa-Preises (des bedeutendsten japanischen Litearaturpreises) 1950 lebte er als freier Schriftsteller. Von 1981 bis 1985 war er Präsident des japanischen PEN-Clubs, danach Vizepräsident des Internationalen PEN. Am 29. Januar 1991 ist Inoue 83-jährig gestorben. Berühmt wurde Inoue 1950 mit der Erzählung „Das Jagdgewehr“ und dem Kurzroman „Der Stierkampf“.