von Thomas Mann
nach der gleichnamigen Erzählung
für die Bühne bearbeitet von Gerhard Tötschinger
im S. Fischer Verlag
Premiere am 3. Dezember 2008
mit Helga Lauenstein, Laetitia Mazzotti, Felix Jeiter, Ritchie Staringer
Regie: Claire Lütcke
Raum: Ulrike Glandorf
Licht: Niko Mölter
Kostüme: Maren Lepping
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Wie bei Onklel Vanja stehen auch hier Krankheit und Todesnähe als mediale Zustände, als Zustände der unbewussten Hellsichtigkeit im Mittelpunkt
Thomas Manns „Die Betrogene“ ist eine Erzählung aus seinem Spätwerk, entstanden in den fünfziger Jahren, den Jahren der jungen Bundesrepublik, der allzu selbstzufriedenen, „eben noch mal davon gekommenen“, an den USA orientierten Wirtschaftswunder-Gesellschaft.
Thomas Mann erzählt - oberflächlich betrachtet - von der hysterisch fehl interpretierten körperlichen „Wiederbelebung“ einer älteren Frau. Rosalie ist in Liebe zu dem jungen, modernen Amerikaner Ken entbrannt und ist begeistert, dass sie plötzlich wieder „blutet“ (wie Abrahams Sarah). Sie „blutet“ aber in Wirklichkeit, weil sie sich Nichts ahnend im finalen Stadium einer Krebserkrankung befindet. Was Rosalie als Frühling ihrer neu – oder überhaupt zum ersten Mal erwachten – weiblichen Potenz hält und sie zu wilden Grenzüberschreitungen aufstachelt, ist in Wahrheit Symptom der Krankheit, die zum Tode führt. Was die Naturliebhaberin zu Unrecht für einen Frühlings-„Krokus“ hielt, ist eben doch eine „Herbstzeitlose“ – und dennoch und deshalb stirbt Rosalie dann einen „milden“ Tod, mit dem sie sich gerade eben wegen seiner lebensvollen Frühlings-Maskerade als dem „großen Mittel des Lebens“, der „Auferstehung“ versöhnen kann.
Der Autor verlegt die Geschichte in die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg.
Wir entdecken sie als Parabel, als sinnlich erlebbare „Miniatur“ der politisch-kulturellen Verwirrung und Selbsttäuschung der ersten deutschen Republik, einer Zeit der „Wechseljahre“, der peinlich übersteigerten und zugleich hellsichtigen, tollkühnen „Verliebtheit“ in alles Neue, Junge, Straffe und Kraftvolle, für das – mit breiten Schultern und schmalen Hüften – der Amerikaner Ken steht.
Wir empfinden es als heilsam beunruhigend, uns auf diese Geschichte mit Haut und Haar einzulassen: Thomas Manns Text nähert sich der labilen Verfassung seiner zentralen Figur gleichermaßen schonungslos und behutsam – er offenbart eine grausame Zärtlichkeit – oder vielleicht auch umgekehrt zärtliche Grausamkeit – für den Selbstbetrug Rosalies ebenso wie für die Feigheit, die Schamhaftigkeit, die Borniertheit, die kopflastige Verklemmung und Egozentrik der sie umgebenden Personen: ein wildes Begehren will sich Bahn brechen, darf und kann das aber nicht und offenbart sich dann als boshafte, innere Wucherung.
Kann sein, dass wir, die Eltern, Geschwister und Kinder des Kunststoff-Traumpaars „Barbie“ und ihres „Ken“ (auch er: breitschultrig und schmalhüftig) und all ihrer Verwandten in der Welt der Spielzeuge, der virtuellen Animationsfiguren oder der ganzkörperlich enthaarten Beach-Party-Gestalten die „Kur“ eines solchen Textes gut gebrauchen können, um in den politisch-kulturellen „Wechseljahren“, wie sie z.B. angesichts der Globalisierung oder absurd verselbstständigter Kriegsszenarien wohl anstehen, neue Orientierungspunkte auszumachen.
Es sollen zunächst die drei zentralen Figuren des Geschichte „verkörpert“ werden: die schlank und jugendlich alternde Rosalie, ihre erwachsene, ganz modern-sachliche und in der Liebe glücklose Tochter Anna sowie das männliche Objekt von Rosalies Begierde, Ken. Die Schauspieler werden aber zweifellos auch „Nebenfiguren“, Atmosphären, womöglich auch Tierkadaver oder zischende schwarze Schwäne ins Spiel bringen. Darüber hinaus wird das grausam-zärtliche Eindringen des Erzählens in Figurendarstellung, Handlung und Dialog eine oder viele „Besetzungen“ erfahren. Die Kompositionen des Musikers Ritchie Staringer, immer schon gezielt nah am Probenprozess entstanden, haben bereits mehrfach unsere Prosabearbeitungen atmosphärisch verdichtet. ( „Sehn-Sucht“, „Froschkönig“). Ritchie Staringer beherrscht die Wurzeln und Varianten des Jazz (im Sinne des Ken der wilden 20er) ebenso wie die Muster des Pop, der Filmmusik, der Parties und der Werbe-Jingles (aus den Regionen von Barbies Freund).