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Hannoversche Allgemeine Zeitung, 05. Dezember 2008 Von der Liebe zum Tod
„Die Betrogene“ nach Thomas Mann im Theater an der Glocksee
Von Ekkehard Böhm
Die Konstellation erscheint bekannt: eine Frau, Rosalie, in die Jahre gekommen, verliebt sich in einen viel jüngeren Mann und meint, die Jugend zurück gewonnen zu haben. Sie glaubt, ihr „Weibtum“ sei wiedererwacht, und sogar die Regelblutung habe wieder eingesetzt. Was sie nicht weiß: die Blutung ist nur der Ausweis einer schweren Krebserkrankung, der Wahn der neuen Jugend ist ein Schritt hin zum Tod, die Frau betrügt sich selbst. Thomas Manns späte Erzählung „Die Betrogene“ (1952) ist die weibliche Spiegelung seiner Novelle „Der Tod in Venedig“ von 1912. Überdies setzt sich Mann hier mit seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil auseinander: die Frau als Sinnbild des kranken, alten Kontinents, der Geliebte, ein Amerikaner, als Sinnbild einer kraftstrotzenden neuen Welt.
„Die Betrogene“ hat aber nie die Bekanntheit von „Tod in Venedig“ erlangt. Das kommt nicht von ungefähr. Mit seinem Versuch, sich in eine weibliche Psyche hineinzufühlen, hat sich Thomas Mann auf eine Gratwanderung begeben, deren Problematik ihm auch selbst bewusst gewesen ist. Mit einer Bühnenfassung von der „Betrogenen“ in der Regie von Claire Lütcke ist ihm das Theater an der Glocksee jetzt auf dieser Wanderung gefolgt – und es ist dabei nicht abgestürzt. Aufgelöst in szenische Lesung, in Mono- und Dialoge sowie Pantomime ist aus der Erzählung etwas ganz Eigenes entstanden.
Es ist ein Dreipersonenstück, dessen Erfolg mit den Schauspielern steht und fällt. Felix Jeiter als der junge Amerikaner hat eine Rolle mit wenig Text. Er ist vor allem präsent, Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Frau. Laetitia Mazzotti als Anna, die Tochter von Rosalie, gibt den Gegenpart zu ihrer Mutter ab. Selbst ist ihr die Liebe versagt geblieben, sie ahnt, dass Rosalie auf dem Weg zur Selbstzerstörung ist, und versucht, ihr dies mit rationalen Argumenten deutlich zu machen. Vergebens, die Welten der beiden Frauen haben nichts miteinander zu tun.
Das Schwergewicht der Inszenierung liegt jedoch bei Helga Lauenstein als Rosalie – und sie stemmt es. Von der Anlage her ist diese Figur in der Gefahr, dass bei ihr aus Schwärmerei Schwulst wird. Aber Helga Lauenstein hält immer die richtige Balance zwischen Tragik und trauriger Lächerlichkeit, sie führt Rosalie nicht vor, sondern lässt sie glaubwürdig erscheinen. Und deren abschließende Erkenntnis, dass es ohne den Tod kein Leben gibt, wirkt genauso versöhnend wie die lakonische Mitteilung von ihrem sanften Ende. Viel Beifall.
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