|
Neue Presse Hannover, 05. Dezember 2008 Lust und Todestrieb im Theater an der Glocksee
Von Anna Berger
Dass ein älterer Mann eine junge Frau liebt, ist keine auffällige Besonderheit. Dass eine ältere Frau einen jungen Mann liebt, schon eher. Und es endet tragisch, jedenfalls bei Thomas Mann. Das Theater an der Glocksee greift sich mit „Die Betrogene“, der letzten Erzählung des Autors, einen Stoff, für den der Autor im Allgemeinen steht: das unerfüllte, nicht lebbare Begehren. Ein Verlangen, mit dem Mann vermutlich Zeit seines Lebens selbst gerungen hat.
Die gealterte, aber noch immer attraktive Mittfünfzigerin Rosalie (Helga Lauenstein) verliebt sich in den jungen Amerikaner Ken (Felix Jeiter). Trotz düsterer Vorahnung und Warnung ihrer erwachsenen Tochter Anna (Laetitia Mazzotti) gibt sich Rosalie einer selbstzerstörerischen Leidenschaft hin, die schließlich zum Tod führt.
Als Gegenentwurf zur Mutter steht die Anna, die junge Künstlerin. Auch sie, unverheiratet und ungeliebt, leidet an der Liebe. Doch kanalisiert die modern orientierte Tochter ihr Leid kreativ, nicht destruktiv wie Rosalie: Sie malt.
Die Inszenierung findet erstaunliche Bilder und Handlungen in einem vom Autor beinahe handlungsfrei angelegten Text. Wenn sich etwa Rosalie im Tanz mit Ken ganz ihrer Leidenschaft hingibt, empfindet der Zuschauer die Szene ganz unwillkürlich als poetisch und abstoßend zugleich. Zunehmend verwandelt sich die Protagonistin von einer dekadenten, wollüstigen älteren Dame in eine verzweifelt mit dem Tode ringende tierähnliche Gestalt. Lust und Todesnähe gehen Hand in Hand.
Lauenstein lässt ihre Figur bis zur gänzlichen Selbstaufgabe dem unerfüllbaren Wunsch nachjagen und zeigt – wie unter einer Lupe – zusehends die Zerrissenheit, an der die Figur am Ende zerbricht.
Auch im Bühnenbild spiegeln sich die Gegensätze wider. Ein weiß getünchter Steg führt über schwarzes Wasser. Darauf treiben die Schauspieler in einem Nest aus weißem Fell, weich gebettet und doch haltlos, dem Abgrund in jeder Minute nahe.
Die komplizierte Sprache Manns, seine häufig als langatmig empfundene Erzählweise fügen sich nahtlos in die gespielte Form des Theaters ein und erhalten dabei eine Lebendigkeit und Spannung, deren Fehlen in der Textform manch einen Leser vielleicht von der Lektüre abgeschreckt hätte.
Fünf von fünf möglichen Sternen
|