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Stadtkind 1 / 2009 Hauskritik # 3
Die Betrogene, Theater an der Glocksee
Von Berthold Ansohn
Der erste Eindruck verspricht eine Schwarzweiß-Malerei mit Methode. Die Spielfläche markiert die Oberfläche eines Todestümpels, aus dem eine kleine Insel aus hellen, flauschigen Fellen herausragt (Raum: Ulrike Glandorf). Ein Nest für eine weiß gekleidete Gestalt, deren Oberkörper sich langsam aufrichtet und die sich als Frau um die fünfzig entpuppt: Rosalie von Tümmler, Hauptfigur in Thomas Manns Erzählung „Die Betrogene“, die Claire Lütcke in Anlehnung an die Bühnenfassung des Wiener Autors Gerhard Tötschinger am Theater an der Glocksee inszeniert hat. Mit der „Betrogenen“ entwarf Thomas Mann 1952 eine weibliche Variante des Schriftstellers Aschenbach, der sich in seinem vierzig Jahre zuvor erschienenen „Der Tod in Venedig“ in einen Jungen verliebt. Vergleichbar mit der Aschenbach-Figur ist die verwitwete zweifache Mutter Rosalie, deren Geschichte in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts spielt, eine Todgeweihte. In Leidenschaft zu dem jungen Amerikaner Ken entbrannt, deutet sie die Symptome einer fortgeschrittenen Krebserkrankung fehl als Zeichen einer neu erwachenden jugendlichen Weiblichkeit.
Symbiotische Hassliebe
In Claire Lütckes Inszenierung erklingen die ersten Sätze aus dem Munde einer jungen Frau Ende zwanzig (Laetitia Mazzotti). Sie trägt funktionelle schwarze Kleidung (Kostüme: Maren Lepping), wirkt äußerst rational und wirft dem Publikum gelegentlich ein ironisches Lächeln zu. Sie heißt Anna, ist Rosalies Tochter und Teil der von ihr selbst vorgelesenen Geschichte. Auf das Spannungsverhältnis der beiden Charaktere konzentriert sich im Wesentlichen die Inszenierung, die mit der direkten Rede verschiedentlich umgeht. Teils ist sie in wechselnden Monologen gesprochen, die auf statische Weise die Gegensätzlichkeit zwischen Anna und Rosalie ausdrücken, teils in Dialogen, die erst dann an Lebendigkeit gewinnen, nachdem Rosalie (Helga Lauenstein) Ken zum ersten Mal begegnet ist. Darüber hinaus bringt Claire Lütcke in wortlosen Szenen das Mutter-Tochter-Verhältnis, wie sie es interpretiert, bildstark auf den Punkt: eine symbiotische Hassliebe, in der Anna ihre Mutter mit tödlichem Ausgang an sich bindet. Denn analog zu den trügerischen Signalen ihres Körpers verfällt Rosalie hier den Trugbildern, mit denen die emotional und körperlich durch einen Klumpfuß gehandicapte, aber künstlerisch hochbegabte Tochter die Seelenlandschaft ihrer Mutter allmählich umpflügt. Anna geht buchstäblich auf in ihrer Kunst. Und der junge Amerikaner selbst – so inszeniert es Lütcke – ist ihr Produkt. Einmal verschwindet Anna hinter ihrer Leinwand und scheint eins mit ihr zu werden: Nach und nach zeichnen sich die Wölbungen einzelner menschlicher Organe ab, bilden sich flüchtige Reliefs ineinander verschränkter Hände und umschlungener Körper. Ein künstlerischer Akt, der als plastischen Halb-Akt einen lebendigen Ken (Felix Jeiter) hervorbringt. Der verharrt für einen kurzen Moment als Standbild neben der Leinwand, um wenig später als Junge mit der Mundharmonika oder apfelessender Schönling für Rosalies Schmacht Modell zu stehen.
Fatales Klischee von Jugend
Die Momente, in denen die Fünfzigjährige wirklich lebt, weil sie auflebt, sind kurz. Denn schon bald wächst sie in das fatale Klischee von Jugend, in die Peinlichkeit, die erst dadurch zu einer solchen wird, dass Tochter Anna, selbst von der Liebe enttäuscht, ihr einen Spiegel vorhält. Und der spiegelt und verzerrt unter Annas Regie. Bei ihr wird Rationalität zur Waffe und Kunst zum Instrument. Und Rosalie, deren unreflektierter Umgang mit dem Schein der Dinge sich auch in ihrem überholten Kunstverständnis äußert, steigert sich in die Künstlichkeit ihrer schlecht beherrschten Maskerade. Helga Lauenstein spielt das sehr überzeugend: die Phase der betulichen Selbstgewissheit, dann den emotionalen Sprung ins Ungewisse und die verletzlichen Momente, in denen die Grenze von zugelassener Lust und Scham über die von ihrer Tochter gespiegelte Lächerlichkeit auf einem schmalem Grat verläuft. Dabei greift die Regie zeitweise zu Mitteln des Körpertheaters und lässt Rosalie, verstärkt durch die schmetterlingshafte Farbigkeit des quasi aufblühenden Rocks als organisches Wesen erscheinen, das eine Metamorphose durchlebt. Im Gegenzug erhält Annas von Laetitia Mazzotti mit sparsamen Mitteln gestaltete Kontrolliertheit einen zunehmend Furcht erregenden Zug. Und Felix Jeiter spielt Ken mit selbstbewusster Ironie so blass, wie es sich für ein Objekt gehört.
In Schminke erstarrt
Als sich Rosalies Welt zu verdüstern beginnt, erscheint vor ihr ein schwarzer Schwan. Ein Todesbote, hier verkörpert von Anna, die im schwarzen Kleid mit tiefem Rückenausschnitt einen Zeitlupentanz vollführt und dabei aussieht wie eine Skulptur, die zum Leben erwacht. Einen guten Teil ihrer Wirkung verdanken Szenen wie diese der live eingespielten Musik des Pianisten und Keyboarders Ritchie Staringer, die sowohl als Bindemittel als auch als erzählerisches Element die Inszenierung bereichert und nur selten die Fülle der mannschen Sätze zu überlagern droht: Mal unterlegen impressionistisch gefärbte Klangteppiche die Texte mit Atmosphäre, mal wirkt die Musik als emotionaler Beschleuniger oder distanzierter Kommentar. Erklingen zwischenzeitlich dezente Latin-Rhythmen auf einer Wellenlänge mit Rosalies Beschwingtheit, schaffen zunehmend atonale Akkorde Abstand, als ihre Verjüngung in Schminke erstarrt. Dann ist die abstrakt gewordene Klangwelt auch auf Annas Seite. Sie, der von Beginn an die Erzähler-Stimme gegeben ist, beschließt mit der beiläufigen Nachricht vom Tod ihrer Mutter kalt lächelnd das Stück. Eine Geschichte, die ihr Werk ist. Ihr Kunstwerk. Und – das gilt für die Inszenierung – ein vielschichtiges, schaurig-schönes und sehr sinnliches Literatur-Spiel.
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