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Stadtkind, Juni 2006

Hauskritik #1

Von Nicola Bongard

Wer mal wieder Lust hat auf ein Theater, das genauso ist, wie man sich gemeinhin Theater vorstellt, und das aber gerade deshalb nicht etwa muffig, sondern frisch und klar, beinahe neu wirkt, der sollte sich in diesen Tagen einmal auf den Weg in das Theater an der Glocksee machen. Hier ist zur Zeit „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams in einer Inszenierung von Claire Lütcke zu sehen, und das zu sehen macht Spaß. Nein, Spaß ist das falsche Wort. Es macht tatsächlich Freude. Ich dachte, dass es dieses Wort gar nicht mehr in meinem Wortschatz gibt, es hat auch einen eigenartigen Beigeschmack, ein ganz missverstandenes Gefühl und irgendwie hab ich dieser Vokabel, diesem Gefühl auch keine Träne nachgeweint, denn es gibt ja Unterhaltung und, eben, Spaß, Begeisterung und Berührung und Aufruhr und es gibt Theater, das inspiriert und provoziert und irritiert und das mir auf gute Weise sein Hinterteil zeigt. Das Theater von dem hier die Rede ist, kommt direkt von vorn und das macht es – in diesem Fall – so entwaffnend sympathisch, dass sich sogar ein Punk darüber freuen würde. Theoretisch.
Ein Bühnenbild der alten Schule, mit Tisch und Bett und Schrank und unsichtbaren Wänden – und trotzdem nicht Ohnsorg-Design. Textreue – und dennoch ein moderner und schneller Sprachgestus (man spielt in einer Übersetzung von Jörn van Dyck), Schauspielkunst – und dennoch Abstand zu den Gefühlen der Figuren. Ein voller Griff in die Kostümkiste – und jeder Faltenwurf und jede Farbe macht Sinn. Einsatz von Dias – und dennoch keine mediale Überdosierung. Sensible Lichtstände – und dennoch keine Beleuchtereitelkeit. Ein altmodischer Pianospieler als Stummfilmzitat und Strukturgeber (ein Diener der alten Schule: Jedrzej Tymczuk) – und dennoch keine Schunkelatmosphäre oder Überstrapazierung dieser schönen Idee. Eine Pause – und damit kein Bruch wie sonst oft, sondern Zeit zum Nachdenken und Genießen einer Zwischenzeit als Selbstzweck. Diese Inszenierung ist in sich stimmig und rund. Und das verdankt sie stark der intelligenten Begabung der Schauspielenden, nahbar zu sein und alltäglich, fast zeitlos mit ihrem sozialdramatischen Text umzugehen (bis auf Helga Lauenstein alles Schauspielschüler der Hochschule für Musik und Theater) Dieses Theater ist kein ehrgeiziges Regietheater und es ist auch nicht der Raum für Experimente und komplizierte Interpretationen. Aber so wie der Ort des Theaters selbst ist, nämlich eine seltsam charmant-provinzielle Oase inmitten eines einigermaßen großstädtischen Außengeländes an der Glocksee, so ist auch die Inszenierung eine, die sich sowohl auf ihren Autor, als auch auf sein treues Publikum verlässt, indem es sich vor beiden verbeugt. Das ist nicht weltbewegend, aber es zeigt eindringlich und humorvoll den Mikrokosmos der (un)beweglichen Welt einer sozial behinderten Familie.
„Die Glasmenagerie“ ist das erste Stück des amerikanischen Südstaaten-Dramatikers Tennessee Williams, und es hält doch schon alles bereit, was den 1911 geborenen Autor (und bekennenden Homosexuellen) auch in späteren Jahre, etwa in „Endstation Sehnsucht“, der „Katze auf dem heißen Blechdach“ oder in „Plötzlich letzten Sommer“ immer wieder beschäftigt hast. Die einengenden sozialen Verhältnisse und ihre schönen feigen Hintertürchen (Kino und Alkohol),d as unvollkommene und mit ambivalenten Gefühlen umstellte Arrangement Familie, der Kampf zwischen Egoismus und Konvention, Abenteuerdrang und Angepasstheit, zwischen Treue, Tradition und Tatendrang.
Auf der Bühne stehen tatsächlich kleine Glasfigürchen in einem Regal und Tochter Laura Wingfield staubt sie ein ums andere mal ab und betrachtet weltvergessen ihre glitzernden Schätze. Mit Mutter Amanda und Bruder Tom lebt Laura in einer so gemütlich-beschützenden wie beklemmenden Bastion gegen den Rest der Welt, den es doch zu erobern, wenn nicht gar auszubeuten gilt. Verzweifelt versucht die Mutter ihre leicht hinkende Tochter an den Mann zu bringen. Und hat selbst doch nichts anderes als aufdringlich selbstverherrlichende Anekdoten aus ihrer Jugend und bittersüße Kommentare zum Thema „abtrünniger Vater“ zu bieten, die so gar keine Lust auf das angeblich „wahre“ Leben machen. Tom (Tennessees alter Ego) jobbt für die kleine Familie und flüchtet sich nachts in Bars, immer wieder ins Kino oder dichtend aufs Klo (was man hier leider nicht zeigt… ) Sein Blick geht in die weite Welt, er sieht sich auf Schiffen und alle Brücken hinter sich abbrechen. Aber da ist die zerbrechliche Schwester, die er beschützen muss und die starke schwache Mutter, die in ihrem ganzen unerträglichen Pragmatismus dennoch Wärme ausstrahlt. Das hat letztere vor allem der Schauspielerin Helga Lauenstein zu verdanken, die ihre Figur ebenso vielschichtig wie tiefgründig spielt. In einem Moment nervt diese Frau und ist so unerträglich schrill narzisstisch, besonders im Spiegel der dunkelblau gekleideten zarten Tochter, und dann ist sie wieder ganz komisch und ironisch, humorvoll und klug. Helga Lauenstein verrät ihre Figur nicht, sie zeigt deren Verletztheit hinter der rauen Schale. Aber das kann sie wieder nur so gut, weil es die so schlau und fein spielende Nadja Bobyleva als Tochter Laura gibt, die nicht nur verhuscht und gehemmt, sondern auch zappelig und euphorisch spielen kann. Ein Südstaaten-Teeny aus Hannover-Mitte irgendwann zwischen 1940 und 2006. Zum Beispiel wenn die Jugendliebe (und Schwiegersohnhoffnung der Mutter), nämlich Jim auftaucht (sehr schön zwischen Distanz und Nähe, Höflichkeit und Frechheit hin und her driftend Daniel Seniuk), der ihr beiläufig das Leben rettet, indem er ihrem gläsernen Einhorn das unnütze Horn abbricht und Laura sogar küsst. Ganz ehrlich. Dieses Selbstbewusstsein wird Laura ein Leben lang tragen, auch wenn sie Jim nicht haben kann, weil es da schon eine Verlobte gibt. So melodramatisch ist diese Stück nämlich gar nicht. Es erzählt davon, wie ein freier Mensch einen anderen befreit. Der von Bartholomäus unbekümmert und aufmerksam gespielte Bruder Tom ist zugleich der Erzähler der Ereignisse. Auch das wird ganz unkompliziert durch das zwischenzeitliche Aufbrechen der vierten Wand erledigt, so, als sei das kein formales Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Im Programmzettel steht: „Die Figuren verschweigen ihre Fragen und ihre Antworten, sie sagen und fragen viel, aber nie das, worum es ihnen eigentlich geht.“ Das stimmt aber nicht. Hier wird ganz schön Klartext geredet. Tennessee Williams zeigt gerade, wie in einer Familie Diskretion und Distanz verschwinden können, wie man im sozial geschützten Rahmen und in den eigenen vier Wänden gerade dazu neigt, nichts ungesagt zu lassen, den Schweinehund von der Kette zu lassen und unverhüllt die eigenen egoistischen Wünsche zu formulieren, eben genau die Gemeinheiten auszusprechen, die man draußen nur denkt. Es ist ein Stereotyp, dass es das ewig unsagbare wäre, was Familien so zerstörerische Wege lässt. Oft ist es gerade das Wort zu viel, was Verletzungen hervorruft. Tennessee Williams war ein Künstler des Offenlegens der Neurose Familie. Die immer zwischen zuviel und zu wenig des Guten hin und her schwankt.
Wer also Lust hat, Menschen bei einer Arbeit zuzusehen, die gute Gefühle und Gedanken macht, der sollte sich diese Inszenierung nicht entgehen lassen.