Hannoversche Allgemeine Zeitung, 7. Mai 2006
Brüchige Welt
Das Theater an der Glocksee spielt Tennessee Williams’ „Die Glasmenagerie“
Von Ronald Meyer-Arlt
Auszug:
… Eigentlich war für diesen Sommer etwas anderes vorgesehen: Das Theater an der Glocksee wollte ein „
Kabale und Liebe“ - Projekt aufführen. Der Theaterbeirat der Stadt, der Förderungen empfiehlt, hat jedoch abgewinkt: zu unklar sei das Vorhaben, hieß es. Die Theaterleute haben nachgebessert und eine detaillierte Beschreibung vorgelegt, der Beirat fand es
immer noch unklar. Projektmittel gab es nicht, nur die jährliche Grundförderung von 50.000 € *), die bleibt. Damit – und mit viel Idealismus – lässt sich aber auch einiges anstellen. Die professionellen freien Theatermacherinnen Lütcke und Lauenstein haben sich professionelle – und günstige – Hilfe geholt**). Schauspielstudenten des Abschlussjahrgangs der Hochschule für Musik und Theater spielen die beiden jungen Geschwister und den jungen Freund in Tennessee Williams’ traurigem Kammerspiel, Amanda Wingfield, die Mutter von Laura und Tom, wird von Helga Lauenstein gespielt.
Mit einfachen Mitteln präsentiert das Glocksee-Ensemble eine untergehende Welt: die aufgekratzte aber verblühte Mutter, die in sich gekehrte, verletzliche Tochter, der Sohn, den es in die Welt zieht. Ein Abendessen mit Jim, Toms Kollegen, soll Hoffnung, Rettung bringen, endet aber im Fiasko. Nadja Bobyleva spielt die scheue Tochter eher zerbrechlich als verhuscht; einmal im Gespräch mit dem Mann, den sie liebt, glüht sie richtig auf. Bartholomäus Kleppek ist der etwas hölzern aufbegehrende Sohn Tom, Daniel Seniuk spielt Jim, den Freund und Gast mit schöner Unbefangenheit und angenehmer Singstimme. Helga Lauenstein gibt gekonnt die überkandidelte Mutter; manchmal, wenn sie kurz die Wahrheit erkennt, wird sie ganz grau.
Das Theater an der Glocksee ist ein Schauspielertheater. Ausgefallene Regie-Konzepte, neue inszenatorische Ideen sind hier nicht so gefragt. Man spielt im voll gestellten Bühnenbild und deutet Türen pantomimisch an; wer nichts zu sagen hat, steht still im Hintergrund und spielt ganz langsam Geschirrabwaschen. Mit dramatischer Klavierbegleitung (sehr versiert: Jendrzej Tymczuk) und Dia-Einblendungen soll Stummfilmatmosphäre erzeugt werden. Eine gute Idee, die man sicher noch etwas weiter ausbauen könnte.
Der Mangel an zupackender Regie aber mag (wie auch der Mangel an kostspieliger Dekoration) von den Freunden des Hauses durchaus als Wohltat empfunden werden. Nur leider nicht vom Theaterbeirat.
Anm. des TadG:
*) Das galt 2006 zum vorerst letzten Mal: seit 2007 erhält das TadG jährlich 35.000 € Grundförderung.
**) Die Schauspielstudenten kannten unser Theater bereits (Nadja Bobyleva hatte bereits in zwei Projekten mitgearbeitet) – es war der Wunsch der drei jungen Kollegen, bei uns ihr externes Diplom-Projekt zu erarbeiten – und es war auch ihre Idee und ihr Wunsch, „Die Glasmenagerie“ zu spielen – zweifellos für das Theater ein Glücksfall!