Hannoversche Allgemeine Zeitung, 16. Oktober 2006
Tödliche Liebe
Schillers „Kabale und Liebe“ im hannoverschen Theater an der Glocksee
Von Michael Stoeber
Das muss erst mal gelingen. Drei Stunden Schiller spielen und den Zuschauer so in Atem halten, als handele es sich um einen Kriminalfall. Im Grunde ist Schillers „Kabale und Liebe“ ja auch ein sex-and-crime-Stück, nur dass es oft in Puder und Perücken erstickt wird. Nichts davon in der gelungenen Inszenierung des hannoverschen Theaters an der Glocksee. Die Akteure vertrauen auf die Sprache des Freiheitsdichters. Regisseurin Claire Lütcke deckt in den Figuren aktuelle Zeitbezüge auf.
Schillers Drama um die Liebe zwischen dem adeligen Ferdinand und der bürgerlichen Luise ist ein Protest gegen Standesschranken. Ein Plädoyer für das Naturrecht gegen das Gesellschaftsrecht. Zugleich ist es ein Stück über Masken und Verstellung. In einer Gesellschaft, in der die Konvention über das Gefühl herrscht, regiert auch der Schein über das Sein. Diese Mechanik des gesellschaftlichen Verkehrs, die zu allen Zeiten Gültigkeit hat, arbeitet die Inszenierung klug heraus.
Dem Motiv der Verstellung folgt das Bühnenbild (Ulrike Glandorf). Ein Tisch ist nicht nur ein Tisch, sondern ebenso Bett, Sekretär, Waffe. Auch die Mehrfachbesetzungen der Schauspieler und ihre Kostümwechsel auf offener Bühne forcieren den Einsdruck, dass das Ich hier immer schon ein anderer ist. Brillant ist Helga Lauenstein: sie ist zugleich die ehrgeizige Mutter der Luise, der intrigante Vater von Ferdinand und die Kammerzofe der Lady Milford. Nicht weniger virtuos Elena Böhmer in einer weiteren Dreifachrolle: die Lady Milford spielt sie als Vamp, den Sekretär Wurm als Intriganten und den Hofmarschall von Kalb als Rokoko-Hiphoper. Willi Schlüter berührt als Kammerdiener und als in nicht ganz reinen Gefühlen zu seiner schönen Tochter befangener Musikus Miller. Einzig die Liebenden Luise und Ferdinand bleiben symbolhaft in ihren Rollen. Die beiden Darsteller, die gerade ihr Schauspieldiplom in Hannover absolvieren, gewinnen die Herzen des Publikums. Joanna Kapsch spielt Luise als Frau, die weiß, was sie will. Lukas Goldbach als Ferdinand ist ein wohlstandsverwahrlostes Kind, das als fundamentalistischer Liebender die geliebte Frau mit in den Tod nimmt. Eine Inszenierung, die in Schiller wie selbstverständlich den Zeitgenossen erkennen lässt. Warum die Fördergelder für die Produktion so zögerlich geflossen sind, dass sie erst jetzt zur Aufführung kam, bleibt unverständlich.*)
*) Anm: des TadG: Die Fördergelder sind seitens der Stadt Hannover und des Landes Niedersachsen nicht „zögerlich“, sondern überhaupt nicht geflossen – das Projekt musste aus Mitteln der Grundförderung, mithilfe der Niedersächsischen Lottostiftung, aus Überschüssen von anderen no-budget-Projekten und aus Spenden finanziert werden – auch dieses „
Krisenmanagement“ hat Zeit gekostet.