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Neue Presse Hannover, 16. Oktober 2006 Schillertragödie in Kleinmöbeln
Glockseetheater serviert beachtliche „Kable und Liebe“
Von Siegfried Barth
Wenn ein kleines Theater einen großen Brocken stemmt, kann es eng werden. Das Theater an der Glocksee spielt „Kabale und Liebe“ bis ins Foyer hinein, das gibt Bühnentiefe. Es ist kein experimentelles Projekt „über“ das Schillerdrama geworden, sondern (zumindest inhaltlich) ein echter Schiller. Die Sprache des Klassikers wird respektvoll gepflegt und süffig ausgekostet, nur das Pathos wird am Schäumen gehindert.
Wenn eine kleine Truppe einen großen Sprung macht, ist das Experiment genug. Es liegt im Formalen. Fünf Darsteller spielen zehn Rollen. Alle sind immer da und schieben auch die paar Kleinmöbel herum, wenn die Szene wechselt. Schauplätze überschneiden sich, Szenenwechsel wirken wie filmische Überblendungen.
Schillers Tragödie um eine verlorene Liebe, die wegen des Standesunterschieds von Intrigen am Fürstenhof zerschossen wird, erreicht eine hohe Intensität. Im Mittelpunkt stehen Joanna Kapsch als Bürgermädchen Luise und Lukas Goldbach als Präsidentensohn Ferdinand – beide sind auf eine gemäßigt moderne Art gefühlsecht, keineswegs von gestern.
Elena Böhmer als Lady Milford füllt deren große Schuhe nicht aus, aber sie hat da noch zwei männliche Hofschranzenrollen, in denen sie wirklich glänzt. Willi Schlüter ist als Luises Vater und Kammerdiener recht standfest und beherzt. Luises Mutter und das korrupte Ekel, das sich Präsident nennt, bedeuten einen Extremspagat der Charaktere, Helga Lauenstein meistert ihn mit Bravour.
Claire Lütcke inszenierte einerseits mit Tempo, aber ohne Hast. In Pausen klingen Spannungsbögen lange nach, in reiner Stille oder purer Musik. Das muss man sich leisten können, denn ohne Spannung wären diese Pausen Löcher. So dauert dieser ambitionierte Glocksee-Schiller fast bis halb zwölf. Weil aber der Rhythmus funktioniert und stimmig atmet, fühlt sich das nicht wie eine Überlänge an.
(vier von fünf Sternen)
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