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Neue Presse Hannover, 14. September 2007
Der Tanz der Kulturen
Bildunterschrift: Duell in Worten, Duett im Tanz
von Evelyn Beyer
Von wegen 70 Jungfrauen warten im Paradies auf islamische Märtyrer. 70 getrocknete Rosinen sind's, eine solche Übersetzung ließe der Korantext jedenfalls auch zu, triumphiert die junge Muslima Titania. Doch wer die Macht hat, dessen Auslegung gilt. Deshalb werden solche wie sie in ihrer Heimat aneinandergefesselt gesteinigt, sagt Titania bitter. Weil lesbische Liebe nach der Scharia so zu ahnden sei. "Wie kannst du einer Religion angehören, die das zulässt?" fragt ihre Interviewerin entsetzt. Das aber lässt Titania aufbrausen: "Du verletzt mich!" Sie lasse sich ihre Religion nicht wegnehmen.
Hartes Brot für ein Theaterstück, so eine Islamdebatte. Doch gelingt dem Theater an der Glocksee mit "Lampedusa" ein emotionales Stück, das zwei vielschichtige Figuren in ihrer ganzen Vehemenz aufzeigt und Klischees zuhauf zerbröckeln lässt. Krimiautor und Afrika-Fan Henning Mankell, der mit Kommissar Wallander Bestseller schrieb, schuf ein packendes Rededuell zwischen einer gestressten Moderatorin und einer modernen Muslima arabischer Abstammung, geboren in Sambia, nach Europa geflüchtet.
Selbstbewusst und mit großer Intensität spielt Joanna Kapsch sie. Die Andeutung eines Kopftuchs um den Pferdeschwanz, die Augen groß geschminkt, elegantes Mantelkleid zur Hose - die Tradition zitiert, aber gebrochen. Schließlich gehörte sie nie zu den Geknechteten, ihre Familie floh aus Sambia, weil sie ihre schwarzen Sklaven wie Dreck behandelt hatte und Rache fürchtete. Längst ist sie Europäerin, top ausgebildet. Und hängt doch mit Stolz an ihren religiösen Wurzeln.
Da kann die ausgebuffte Moderatorin nur müde lächeln. Elena Böhmer spielt sie mit sichtbarer Schwangerschaft und weicher und nachdenklicher, als es das Stück nahelegt. Oder ist das auch nur Maske, um Titania in diesem Gespräch weichzuklopfen? Es bleibt offen. Die Seelenverwandtschaft und mögliche Vertrautheit beider lassen die Frauen symbolisch in sanften Tanzszenen aufblitzen, Pausen im Dialog, begleitet von Ibrahim Fofanas afrikanischen Trommelsounds.
Tolles Bühnenbild, differenziert gespielt, Riesenapplaus mit Sonderbeifall für Helga Lauenstein: die legt als jovialer Wettermann eine geniale Männerstudie hin. (vier von fünf Sternen) |