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Hannoversche Allgemeine Zeitung, 14. September 2007
Die Insel der Düsternis
Henning Mankells „Lampedusa“ im hannoverschen Theater an der Glocksee

Von Ekkehard Böhm

Von der Decke hängen Stoffbahnen herunter, auf denen christliche Fresken abgebildet sind. Der Raum stellt eine aufgelassene Kirche dar, die zum Fernsehstudio umfunktioniert worden ist – Symbol für einen schwindenden Glauben. Hier soll eine Live-Sendung mit der überzeugten arabischen Muslima Titania stattfinden, und hier führt die leicht gestresste Moderatorin Anna mit ihr das Vorgespräch. Man ahnt es schnell: Die Sendung wird nicht stattfinden, denn schon im Vorfeld betont Titania immer wieder, was sie vor der Kamera alles nicht sagen will.

„Lampedusa“ heißt das Stück von Henning Mankell, das jetzt im Theater an der Glocksee in der Regie von Claire Lütcke Premiere hatte. Mankell ist nicht nur der Autor düsterer Schweden-Krimis, er ist auch ein Mann, dessen Herz für Afrika schlägt. Das halbe Jahr lebt er dort und leitet in Mosambik ein Theater. Und Lampedusa, die Insel zwischen Europa und Afrika, auf der immer wieder Bootsflüchtlinge landen oder tot angeschwemmt werden, erscheint als Chiff¬re für einen Ort, an dem die Gegensätze zwischen beiden Kontinenten überdeutlich werden.

Joanna Kapsch als Titania und Elena Böhmer als Anna – zu denen noch Helga Lauenstein als schön schmieriger Fernsehmeteorologe tritt – vollbringen beachtliche schauspielerische Leistungen. Eigentlich müssten die beiden Theaterfiguren eine gemeinsame Gesprächs¬basis haben. Titania ist alles andere als eine verhuschte, verarmte Muslima. Trotz ihres Glaubens – dessen düstere Überschattung sie durchaus sieht – ist sie (wie Anna) emanzipiert und hat sich von vielen auferlegten Rollenklischees gelöst. Aber es kommt anders.

Es sind die Schauspielerinnen, die das Stück über zwei Stunden hinweg tragen, denn „Lampedusa“ hat unübersehbare Schwächen. Mankell hat das Stück überfrachtet: Um das Weggehen aus ¬einer fremd gewordenen Heimat und um das Ankommen in einer weiteren Fremde geht es, um tief eingefressenes Unverständnis gegenüber Menschen mit einer anderen Hautfarbe, um den Bruch zwischen Kulturen und die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Das ist ziemlich viel, und bis es bei der Vielfalt der Themen – die sich oft erkennbar aus ¬Lesefrüchten speisen – zu einer Charakterisierung der Personen kommt, dauert es ziemlich lange.

Aber dann gelingt es Joanna Kapsch und Elena Böhmer doch, die Figuren der beiden Frauen mit Leben zu erfüllen. Dann umkreisen und belauern sie sich zu der Trommelmusik von Ebrahim ¬Fofana, ringen um Verständnis und das Bemühen, sich verständlich zu machen, werden voneinander angezogen und fühlen sich gleich darauf wieder abgestoßen. Am Ende steht das Scheitern: Die Verwurzelung in unterschiedlichen Kulturen lässt sich trotz vergleichbarer Lebensumstände nicht überwinden, das Gefühl besiegt den Verstand.
Viel Beifall im voll besetzten Theater an der Glocksee.