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Hannoversche Allgemeine Zeitung, 12. September 2008 Die Grauen Seelen
Das Theater an der Glocksee spielt „Onkel Wanja“ von Tschechow
Von Bert Strebe
Da werkelt eine ausgelaugte Hausgemeinschaft auf einem wenig profitablen Gutshof vor sich hin, das Leben ist schwer und eintönig. Dann kommt der Gutsbesitzer, ein Großmaul aus der Stadt und bringt die Dinge durcheinander. Am Ende will er der Hausgemeinschaft die Heimat nehmen. Der Konflikt eskaliert, es fallen Schüsse. Der Gutsbesitzer reist wieder ab. Alles ist wieder wie vorher, und so wird es bleiben. Grau in Grau.
Lustig, nicht wahr?
Anton Tschechow hat seine Dramen stets „lustige Stücke“ genannt. Und das sind sie oft auch. Betonung auf „auch“. Dahinter kommt das Elend stärker zur Geltung.
Tschechows „Onkel Wanja“ um den gleichnamigen Gutsverwalter, der mit seiner Nichte Sonja und seiner Mutter das Einbrechen des Herrn Professor Alexander samt seiner attraktiven zweiten Frau Elena in ihre Welt verkraften müssen, hatte jetzt im Theater an der Glocksee Premiere. Claire Lütcke, die selbst die Mutter spielt, hat das Werk so inszeniert, wie Tschechow es gemeint hat: lustig. Es wird viel gelacht. Und doch steckt Ausweglosigkeit in jeder Personalkonstellation: Elena liebt Alexander nicht. Sie hat ein gelangweilt amouröses Interesse am Arzt Astrow, der niemanden liebt, schon gar nicht Sonja, die ihn anhimmelt. Wanja begehrt Elena, die von ihm aber nichts wissen will.
Die Bühne (Ulrike Glandorf) ist offen. Wer nicht spielt, sitzt sichtbar im Vorraum des Theatersaals auf einer Bank. Christoph Linder gibt einen überzeugenden (Kostüme: Maren Lepping) Wanja – müde und aufbegehrend, verschmitzt und verzweifelt. Elena Schmidt-Arras spielt ihre Namensvetterin mit lasziv-ängstlicher Ausstrahlung, Philipp Denzel ist ein witziger herzloser Astrow, Peter Przychodniak frischt die Nebenfigur des Ilja mit der Gitarre auf. Den Professor spielt eine Frau: Helga Lauenstein zeichnet ihn mit einer lungenrasselnden Kälte, die kein Mann überbieten könnte.
Die präsenteste Figur des Abends aber ist Laetitia Mazzotti als Sonja: sie bewegt sich mit einer schmerzhaften Steifheit. Noch wenn sie lächelt, pocht die Verzweiflung durch ihre steile Stirnader. Man spürt an sich selbst, wie sich ihre Züge verhärten, als klar ist, dass es keine Hoffnung gibt: das Leben wird nicht besser, nicht reicher, nicht farbiger. Es bleibt grau. Man muss es ertragen. Später, im Jenseits, kann man ausruhen.
So lustig kann’s zugehen.
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