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Stadtkind Oktober 2008
Hauskritik #2: Onkel Wanja, Theater an der Glocksee
von Berthold Ansohn
Vor der vollbesetzten Tribüne steht ein junger Mann und versucht, einzelnen Zuschauern die Risiken von Handy-Strahlungen zu erläutern. Dann tritt eine ältere Frau aus dem vorletzten Jahrhundert an ihn heran und verwickelt ihn in den ersten Dialog. So beginnt Anton Tschechows Tragikomödie „Onkel Wanja“ in Claire Lütckes zweieinhalbstündiger Inszenierung, die im Theater an der Glocksee Premiere hatte. Der junge Mann heißt Astrow, ist Arzt, engagierter Umweltschützer und gelegentlicher Besucher eines Landguts. Das wird verwaltet von seinem Freund Woinizkij, den seine Nichte Onkel Wanja nennt. Voller Weitsicht für seine Ideale, bewirkt Astrows gelegentliche Kurzsicht im Umgang mit seinen Mitmenschen, dass es ihm auch 1890 nicht viel anders ergeht als bei seiner Kontaktaufnahme mit dem Publikum.
Egozentrische Bekenntnisse
Astrow gehört zu einer Gruppe von Personen, deren gesprächiges Mit- und Nebeneinander dazu führte, dass „Onkel Wanja“ auf den Bühnen lange Zeit als betuliches Konversationsstück zu sehen war. Inzwischen reicht die Palette von betont komödiantischen bis hin zu tragisch-fatalistischen Lesarten. Die meisten verbindet der Versuch, die schwache lineare Handlung in eine sinnstiftende Einheit einzubetten. Eine Welt, die erklärt, warum es für die Figuren kein Entrinnen gibt. Dagegen entwickelt sich Claire Lütckes Verständnis für das Stück ganz aus den Figuren. Sie hört ihnen zu und sieht, was passiert. Deshalb gehören Stilbrüche zu ihrem Konzept. Zum Beispiel in Ulrike Glandorfs Bühnenbild: Da begegnen sich als quasi-naturalistische Inseln die Lebensbereiche in einem Raum vereint: eine Ecke für die Schreibarbeit, ein mit Samowar und Teeservice bestückter Wohnzimmertisch und auf einem Podest rechterseits ein Bereich für die (wörtlich zu nehmende) Hand-Arbeit, Platz für die Bediensteten. Die Bühne ist nach hinten offen. Dort befindet sich vor einem Vorhang eine Bank, von der aus Darsteller, die gerade nicht spielen, aber dennoch in ihrer Rolle bleiben, die jeweilige Szene beobachten. Und so wie Astrow zu Beginn das Publikum als Gesprächspartner entdeckt, tun es ihm andere im Laufe der Inszenierung nach und koppeln sich von Dialogen ab, um ihre nach Zuspruch schreienden egozentrischen Bekenntnisse als Monolog zu verkaufen. Dabei sind sie mitunter sehr lustig. Zum Beispiel Wanja.
„Ein Dostojewskij!“
Fünfundzwanzig Jahre hat er zusammen mit seiner Nichte Sonja das Gut seines Schwagers Alexander verwaltet, der in der Stadt als Literaturprofessor arbeitete. Ihm hat er die hart erwirtschafteten Einnahmen geschickt und selbst mit seiner Mutter und zwei Bediensteten ein spärliches Landleben geführt. Nach seiner Emeritierung ist Alexander auf das Gut zurückgekehrt. Dabei zerbrach für Wanja das idealisierte Bild von seinem Schwager, der sich als Versager erwies. Seitdem erschöpft sich Wanjas Lebenslust darin, dass er Alexanders zweite Frau Elena begehrt, die mit auf das Gut gezogen ist. Wie alle in dem Haus leidet auch sie unter den Launen ihres kranken, undankbaren und tyrannischen Mannes, erduldet aber das Schicksal ihrer Ehe und weist Wanjas Avancen zurück. Dafür verbindet sie eine gegenseitige, über Sympathie hinausgehende Anziehung mit Astrow. Die Verehrung für ihn verbindet Elena mit Sonja, die den Arzt und Umweltschützer in verzehrender, auf lähmende Weise idealisierende und unerwiderte Weise liebt.
Als Alexander bekannt gibt, er wolle das Gut verkaufen, kommt es zur Eskalation. Christoph Linder, der Wanja spielt, steigert sich schrittweise in seinen Wutanfall. Auf dem Höhepunkt hält er Alexander vor, was aus ihm hätte werden können: „Ein Dostojewskij !“ schreit er dem Professor entgegen, der ihn vom Rollstuhl aus mit seinem Spazierstock abwehrt wie einen Hund. Dann folgt der berühmte Anschlag mit der Pistole, der zum Glück – wie vieles andere im Stück, nicht in der Inszenierung – danebengeht. Und so tragikomisch peinlich sich Wanjas Cholerik mit seiner exzessiven Selbstüberschätzung Luft macht, so erschrocken über sich selbst flüchtet er sich daraufhin kleinlaut in seine Arbeitsroutine.
Lebendigkeit des Nichtresignierens
Starke Momente wie diese durchziehen die sehenswerte Inszenierung, die von ihren rundherum überzeugenden Darstellern lebt. Und von der Lebendigkeit des Nichtresignierens. Linders Wanja scheint eigentlich zu attraktiv, um Körbe zu bekommen und – bei aller Verbitterung – zu vital, um sich am Ende seiner Möglichkeiten zu sehen. Astrow ist mit Philipp Denzel jung besetzt und wirkt manchmal wie ein intellektueller Student mit herbeigefühlter Reife. Ein gewünschter Effekt, der die Alterslosigkeit seiner Charakterzüge unterstreicht und zugleich das Thema Zeit und Hoffnung an einer Person abarbeitet. Helga Lauenstein, die die alte Njanja angemessen welk und träge spielt, und Peter Przychodniak als gitarrespielender und recht aufgeweckter Telegin geben ein freundliches Bediensteten-Paar. Elena Andreevna (Elena Schmidt-Arras) ist ein koketter Vamp mit leichtem Scarlett-Johansson-Einschlag. Geduldig die Launen ihres pflegebedürftigen Mannes ertragend, wiegt sie sich dennoch in der Sicherheit ihrer asexuellen Ehe und gefällt sich als bunter, charmanter Blickfang in der trostlosen Landwelt. Helga Lauenstein gibt den Professor – verschanzt hinter dicken Brillengläsern, Rollkragen, Damenhut und bodenlangem Wollmantel (Kostüme: Maren Lepping) – als geschlechtsneutrale Schnittmenge aus schnarrendem Hausdrachen und pflegebedürftiger Männerruine, tyrannisch noch im asthmatischen Keuchen. Claire Lütcke selbst spielt Wanjas Mutter Marija als finster dreinschauende Eule, die krummgebeugt durch das Haus schlurft und ihren berühmten Ausspruch: „Du hättest ein Werk schaffen müssen!“ böse herauszischt. Herausragend: Laetitia Mazzotti als Sonja, hinter deren scheuer und disziplinierter Verhaltenheit ein ungezügeltes Feuer brennt.
Die verzweifelten Momente in dieser Inszenierung sind impulsiv und nicht endgültig. Immer wieder feiert sich das Leben auch in den sarkastischen und verbitterten Momenten selbst, schimmert die Möglichkeit durch die verbohrten Gewohnheitswesen hindurch, dass es auch anders ginge. Auch daraus bezieht die Inszenierung ihre hoffnungsvolle Kraft.
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