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Stadtkind, Juni 2007 Hauskritik #2
Von Nicola Bongard
Eine Schaukel. Auf ihr fast unmerklich hin- und herschwankend ein Körper mit zwei Köpfen, hier Arme, dort Beine, ein irritierendes Vexierbild. Zwei Menschen in einer innigen Umarmung, die beim genauen Hinschauen doch eher einer symbiotischen Verknotung gleicht. Ein Stück, das von Sehnsucht handelt, bringt sich selbst gleich in der ersten Minute auf den Punkt. Einen besseren Einstieg gibt es nicht. Aus diesem sinnfälligen Menschengebilde quillt glockenklar ein Schlaflied in einer fremdländischen Sprache in die Theaterluft hinaus. Und macht sich stimmungsvoll unheimlich breit in der so reduzierten wie surrealen und Zeit-entrückten Spielplatz-Atmosphäre des Bühnenbildes von Ulrike Glandorf. Eine Wippe, ein Balanciersteg, links zwei billige Gartenstühle, rechts ein Geschicklichkeitsweg mit scheinbar in den Boden versenkten bunten Kugeln. In diesem Kindheits(alb)traumgebilde beginnt und endet die „Sehn-Sucht“. Die unter diesem Titel von Claire Lütcke inszenierte Autobiographie „Affenliebe“ der 1971 in Hannover-Laatzen aufgewachsenen Silvana Klein ist alles andere als ein Spaziergang, sie ist im Großen und Ganzen ein Horrortrip. „Das erste Mal kam ich mit LSD in Berührung, als im Fruchtwasser meiner lieben Mama schwamm“, schreibt Silvana. Mit 17 Jahren, nachdem einige Väter und Geschwisterchen gegangen und gekommen sind und mit ihnen verschiedene Drogen- und Gewalterfahrungen, nimmt Silvana zusammen mit ihrer Mama LSD. Ein echter Liebesbeweis. Ein voll lustiger Tag. Eine Zeitoase. Harmonie für einen viel zu hohen Preis. Die Sehnsucht nach Geborgenheit auf der einen und Verantwortungslosigkeit auf der anderen Seite mündet in zerstörerischer Abhängigkeit (von Heroin) – die sich aber überwinden lässt, wie das Ende (und das Buch der betroffenen Autorin) zeigen.
Kraft des ebenso maßvollen wie sensiblen und facettenreichen Spiels der absolut herausragenden Schauspielerinnen Aza Thelandersson und Elena Böhmer, die abwechselnd neben der nur mal sprechenden, mal agierenden Ich-Erzählerin immer auch in andere Rollen schlüpfen, kann das Publikum ohne Selbstschutzstrategien am Ball bleiben. Die Verwandlung von dem unbefangenen, glücklichen Kind Silvana hin zu dem komplizierten, gestörten, verunsicherten, ebenso naiven wie misstrauischen Teenager ist wirklich anrührend. Claire Lütcke ist es gelungen, aus dieser individuellen Geschichte keine allgemeine Anklage zu destillieren. So bleibt man bis zum Schluss offen, trotz der Schmerzen, die die Einfühlung bereitet. Eigenartig blass bleibt die letztlich doch in der Vorlage überaus zentrale Figur der Mutter, die die Regie wohl lieber über Bande, wie des Pudels unsichtbaren Kern, ins Spiel bringen wollte. Die beiden Schauspielerinnen zeigen Silvana mal in Situationen mit Dritten, mal als zwei Seiten einer Figur. Ihre unmodisch roten Strickpullis mit den Häkelrosen am Hals zitieren die 70er Jahre und verorten diese Kindheitsgeschichte so in ihrer Zeit (Kostüme von Maren Lepping). Sekundiert wird die auch mit tänzerischen Elementen angereicherte Inszenierung von der teils live, teils vom Band eingespielten elektronischen Musik Ritchie Staringers, die immer wieder auch dezent Elena Böhmers Gesangseinlagen begleitet. Allein, diese kommen allzu oft und werden allzu episch ausgebreitet, so dass sich manchmal der Eindruck aufdrängt – böse formuliert – in einem Liederabend zum Thema „Sucht“ gelandet zu sein. Elena Böhmer kann wirklich sehr schön singen. Aber für die Dramaturgie des Stücks wäre eine musikalische Andeutung zur rechten Zeit mitunter sinnvoller, als die in der Musik schwelgende Nachgiebigkeit der Regie.
Claire Lütcke hat ganz klar das Buch „Affenliebe“ auf die Bühne gebracht, sie hat kein Stück zum „Thema“ Sucht gemacht. Das ist mutig, denn die Kunst dient dabei stärker der Sozialpädagogik als dem Zeitgeist. Das aber wird in diesem Theater durch die Schauspielkunst aufgefangen. „Sehnsucht“ ist für Menschen ab 12. Also, Eltern und Lehrende, macht euch auf ins Teater! Das Gleiche gilt für alle anderen, die nicht nur Lust auf Spaßkultur haben.
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