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Sehn-Sucht


nach „Affenliebe“ von Silvana Klein
erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch

mit Elena Böhmer und Åza Thelandersson


Musik:
Ritchie Staringer
Regie: Claire Lütcke
Raum: Ulrike Glandorf
Kostüme: Maren Lepping
Fotos: Oliver Hoffmann

Silvana Kleins Autobiographie gewährt dem erschrockenen Normalbürger einen schonungslosen, unsentimentalen und überraschend humorvollen Blick in die Abgründe der Drogenabhängigkeit. Nur scheinbar ist es ein Blick aus sicherer Distanz. Ihre Geschichte kennt zwar keine Tabus - wohl aber Scham, Angst, Traurigkeit und - Komik. Wir finden uns in den Erlebnissen und Empfindungen der Süchtigen gespiegelt; erkennen in ihnen unsere eigene Sehn-Sucht.

Diese Geschichte, die also auch von uns handelt, erzählen wir so, wie wir immer schon unsere Geschichten erzählen: sinnlich und spielfreudig, musikalisch, körperlich und auf vertrautem Fuß mit den Bildern unserer Wunsch- und Albträume. „Affenliebe“ geht gut aus.

zum Weiterlesen:

Affen
In ihrem ersten autobiografischen Buch - „Affenliebe“ - zitiert Silvana Klein eine Geschichte, die sie als sechzehnjährige schrieb. „ Als ich dem Affen zum ersten mal gegenübersaß, war er sehr freundlich. Er war wirklich lieb. Ich vertraute ihm ... es war ein seltsam schönes feeling, das ich vorher nie hatte. Es war so schön, dass ich ihn noch einmal treffen musste. Viele warnten mich, er auch, er sagte, dass er grausam sein kann, wenn ich ihm zuviel und zu oft Futter gebe. Ich gab ihm weniger Futter und auch nicht mehr so oft. Aber im letzten Jahr war ich oft allein. Da traf ich mich öfter mit dem Affen, gab ihm viel Futter. Ich spürte schon, wie grausam er sein kann und wie zahm und lieb er ist, wenn er Futter bekommt. Ich habe mit ihm viel Spaß gehabt, und dass er mich jetzt brutal quält, ist meine eigene Schuld. Würde ich kein Essen mehr kriegen, würde ich auch ausrasten“

Im Drogenentzug rebelliert der „Affe“, terrorisiert den Süchtigen.
Nicht nur der Heroin- oder Kokainabhängige muss seinen „Affen“ füttern. Die inneren Affen fordern „Stoff“ auch von allen anderen Süchtigen: Alkoholikern, Essgestörten, Rauchern oder Endorphin-Abhängigen: Extrem-Sportlern, Workaholics, Liebessüchtigen, Spielsüchtigen, Sexsüchtigen, Konsumsüchtigen... Sie alle füttern ihren Affen, weil er droht, sonst alles kaputt zu machen.

Verwahrloste Kinder
Die „Affen“ führen sich auf wie drängelnde, nörgelnde, Kinder. Sie haben nie genug, sind nie genügsam. Sie hetzen und erschöpfen ihre „Wirte“, treiben und bremsen. Sie verlangen, verwöhnt zu werden, setzen ihren Willen durch und sind dann für eine trügerisch kurze Zeit „friedlich“. Verlangen sie Liebe? Zuwendung?

Sind die Affen die „inneren“ Kinder? Die ehemaligen Kinder, welche die erwachsenen Süchtigen nur für kurze Zeit oder niemals sein durften? Die Kinder, die zwar bewacht, aber nicht beschützt wurden, nicht gewünscht aber gebraucht, nicht gefördert aber überfordert, sentimentalisiert aber nicht erfühlt, ausgestattet aber unverstanden .... ? Kinder, die schon lange nicht mehr selbstgenügsam und kreativ spielen können, die gleichermaßen unterspannt und hibbelig sind, sich langweilen, sich mit Fernsehen, Computerspielen und Süßigkeiten betäuben?
Eines Tages verkriechen sich diese Kinder in erwachsen gewordenen Körpern – und machen da den Affen.

Sündenböcke
Sind Süchtige womöglich gar nicht die störenden Gegenbilder unserer Gesellschaft? Was tun wir, indem wir sie verachten, bemitleiden, fürchten, kriminalisieren und therapieren – und gelegentlich auch idealisieren (im Falle von besonders kreativen Süchtigen – den Literaten, Musikern, Popstars)?
Strafen und hätscheln wir in ihnen vielleicht in Wahrheit unsere Zerrbilder – die Priester des hemmungslosen Konsums und zugleich die Gefängniswärter der rebellischen kindlichen Phantasie? Sind sie die Sündenböcke oder die tragischen Helden des diffusen Schuldbewussteins einer nur pseudo-kinderfreundlichen Gesellschaft, die ihre „Kids“ zu grenzenloser Konsumfreude, grenzenloser Genuss-Sucht erziehen muss, weil die größten Feinde dieser Gesellschaft Konsumverzicht und Genügsamkeit sind – also eben genau die „Tugenden“, die man den (schlimmen) „Junkies“ predigt?
„Keine Macht den Drogen!“ – aber alle Macht der Sucht?

Sehn-Sucht nach dem schönen Erlebnis
Das Spannende an Geschichten wie der von Silvana Klein ist, dass der schonungslose Blick, der dem erschrockenen Normalbürger dort in die Abgründe der Abhängigkeit und Destruktion gewährt wird, nur scheinbar einer aus sicherer Distanz ist.
Solche Erzählungen kennen zwar keine Tabus – wohl aber Schamgefühl, Ekel und Angst - diese schützenden Abwehr-Gefühle. Und damit ist es - diesseits all der Tabuverletzungen - in ebenso erschreckendem wie erhellendem Maße möglich, sich in die Erlebnisse und Empfindungen der Süchtigen hineinzuleben, sich zu identifizieren und wiederzuerkennen.

In wiefern ist die im Überfluss shoppende, von Schnäppchen zu Schnäppchen getriebene, wenn auch zahlende, sich aber völlig verausgabende „anständige“ Konsumentin ein gesünderes Vorbild für ihr Kind als die klauend durch die City hetzende Junkie-Mutter von Silvana? Ist nicht womöglich der Anschein der Normalität, den sich die zahlende Kundin geben kann, für ihr Kind noch viel verwirrender? Es spürt ja die Unzufriedenheit der Mutter, ihre Leere - ihre Sucht.

Wonach sehnt sich der Süchtige? Was ist seine Sehn-Sucht? Womit soll ihn der Affe, das innere Kind beschenken? Was verlangt der Affe, das eingesperrte Kind? Was schenkt Zufriedenheit? Wie ist ein „schönes feeling“ zu erreichen? Wie das Erlebnis von Schönheit? Ein schönes Erlebnis? Gibt es das ohne die gehetzte Sucht?

Der Soziologe Gerhard Schulze beschreibt den „Erlebnismarkt“ der Gegenwart: „....Der Erlebnismarkt hat sich zu einem beherrschenden Bereich des täglichen Lebens entwickelt. Er bündelt enorme Mengen an Produktionskapazität, Nachfragepotential, politischer Energie, gedanklicher Aktivität und Lebenszeit. Längst sind Publikum und Erlebnisanbieter aufeinander eingespielt. Routiniert handhaben die Produzenten die ungeschriebenen Regeln des Erlebnismarketings....Routiniert sind auch die Nachfrager geworden. Alles ist ausprobiert, die etablierten Produkte ohnehin, aber auch, so paradox es klingen mag, die innovativen. Das Publikum ist an das Neue gewöhnt. Wenn Abwechslung zum Prinzip erhoben wird, gerät sie unter der Hand zur Wiederholung. Gleichmütig registriert das Publikum den unablässigen Strom der Mutationen von Erlebnisangeboten: Moden und Trends, Informationen, Produktveränderungen, Gags der Erlebnissuggestion, Programminnovationen in den elektronischen Medien, Neuerscheinungen auf dem Musikmarkt und im Zeitschriftenhandel, letzte und allerletzte Entdeckungen im Tourismus, gewagte Neuinszenierungen, revolutionäre Stilbrüche, unerhörte Provokationen u.s.w.
Allenthalben, im Zeichenbereich des Hochkulturschemas ebenso wie im Symbolkosmos von Trivialschema und Spannungsschema, ist gerade deshalb nichts Neues mehr zu erleben, weil das Neue ständig angeboten wird. .... Wie Medikamentenabhängige sich an ihren Stoff gewöhnt haben ... so die Erlebniskonsumenten an die tägliche Ration psycho-physischer Stimulation. „Bedarf“ ist die Angst vor dem Absinken des habitualisierten Niveaus an Erlebnissen. Je weiter das Kumulationsprinzip auf die Spitze getrieben wird, desto mehr schlägt das Motiv der Sehnsucht nach dem Schönen in das Motiv der Vermeidung von Langeweile um....“

Spiegelung
Und nun wir: Müssen wir uns zwischen die „Erlebnisproduzenten“ einreihen? Das Theater an der Glocksee ist ja gut für „schöne“ Erlebnisse. Huuuuh! Wo stehen wir denn im Erlebnismarkt?

Sucht ist nie „schön“. Geschichten von der Sucht können es sein. Deshalb wollen wir welche erzählen. Sie sind schön, weil sie nicht nur von Sucht sondern vor allem von der Suche handeln.
Wir wollen sie erzählen, als handelten sie von uns – so, wie wir immer schon alle unsere Geschichten erzählen – Nicht das Kaputte ausstellen, sondern das Sehn-süchtige in uns selbst wiederfinden.

Die Selbstgenügsamkeit von phantasievoll – und durchaus auch grausam - spielenden Kindern kann „schön“ sein. Sie planen nicht, gieren nicht, zappeln nichts und niemandem hinterher – sie vertrauen ganz auf ihre Impulse. Das „Schöne“ hat seine Zeit. Es stellt sich ein. Dafür versuchen wir uns und unsere Zuschauer zu öffnen. Immer! In Selbstreflexion aber gerade auch mit diesem Projekt.