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Onkel Vanja


von Anton P. Cechov*
aus dem Russischen von Peter Urban - Verlag der Autoren

*Die meisten Übersetzer und auch der Duden haben sich für die Schreibweise "Onkel Wanja - von Anton Tschechow" entschieden - wir folgen natürlich der Transkription der von uns gewählten Übersetzung, die auch im Buchhandel als Diogenes Taschenbuch erhältlich ist

Es spielen:
Helga Lauenstein, Elena Schmidt-Arras, Laetitia Mazzotti, Claire Lütcke,
Christoph Linder, Philipp Denzel, Peter Przychodniak

Regie: Claire Lütcke
Bühne: Ulrike Glandorf
Kostüme: Maren Lepping
Licht: Niko Mölter
Fotografie: Oliver Hoffmann

Seit wir „Drei Schwestern“ gespielt haben und seit wir in "Mein Herz – Mein Hund" die Briefe zwischen dem todkranken Meister der absurden Liebesbekenntnisse und seiner Frau Olga ins Bühnenleben gerufen haben – ach, eigentlich immer schon, seit wir überhaupt Theater machen - treibt Anton Cechov uns um. Jetzt spielen wir „Onkel Vanja“.


*) Die Stücke von Cechov sind allesamt Prüfsteine und Hochgenüsse des Schauspielertheaters – dem wir uns ja verschrieben haben. Was das exercise für den Tänzer ist, das sind die Stücke Anton Cechovs für jeden heutigen Theatermacher. Wer sich mit Bühnen -Texten des 20. und des 21. Jahrhunderts beschäftigt - Texten über das absurde, das anmutige, das wunderschön traurige, das hässliche, das selbstsüchtige, das gelangweilte und faule, das hoffnungslose und abstoßende, das unglückliche – und eben darum verzweifelt komische Gesellschaftswesen „Mensch“ - kommt an Cechov nicht vorbei. Cechov ist der Schlüssel und der Maßstab. Punkt. Aus. Nicht mehr und nicht weniger.

Wir wissen schon, dass man sich bei diesem „exercise“ fürchterlichen Kopf-und-Seelen Muskelkater holt. Man fühlt sich aber am Ende wohlig durchwärmt und ist zugleich zu Tränen erschöpft. Aber Cechov ist noch viel mehr als Training (obwohl auch das allzu oft verachtet wird!). Im Ringen mit Cechov, mit der vermeintlichen Leere und Handlungsarmut seiner Stücke, fühlt man sich geliebt in all der eigenen unbezwingbaren Unvollkommenheit. Man fühlt sich vorbereitet – nicht nur für die Bühne, sondern vor allem für das Leben, denn man wird vorbereitet für den Tod - oder umgekehrt? - In trennungsreicher Liebe. In Heiterkeit. Und das – die Liebe und die Heiterkeit – springen, wenn es gelingt, über auf das Publikum.

Die Autoren von mindestens drei unserer jüngeren Produktionen (Albee, Williams, Mankell) sind spürbar bei Cechov in die Lehre gegangen – der Funke sprang auch dort.
Die „Drei Schwestern“ haben wir vor inzwischen 12 Jahren mit nur drei Darstellerinnen in sehr offener Weise und dennoch in vollständiger und unzerstörter Wiedergabe des Textes umgesetzt.
Mit dem Projekt „Mein Herz – Mein Hund“ drangen wir ein in den selbst geschaffenen Kosmos Cechovs - dieses erst mit dem Tod verlassene Terrain von Erleben, Zuhören, Beobachten, Sammeln, Zitieren, Notieren, hin und her Collagieren und Verweben zu immer neuen und zugleich immer wieder ähnlichen Stoffen.

„Onkel Wanja“ ist ein beliebter Text für versteckte und geduldige Schauspieler-Experimente – man werfe nur einen Blick auf „Vanya on 42nd street“.
Das Personal ist übersichtlich, die täuschend echte „Aktualität“ des ausgesprochen präsenten Lebens-Themas des Arztes Astrov springt ins Auge: der Umweltschutz, die Bewahrung der Natur vor ihrer Zerstörung durch den gedankenlosen, dummen, unreflektierten und im Blick auf das unmittelbar zu erlangende Wohl beschränkten Menschen. Da mag man rasch Hurra rufen! Doch Vorsicht ist geboten. Es könnte ins eigene Auge gehen.

Astrov ist ein kluger und interessanter Mensch, ein aufopferungsvoller und unermüdlicher Landarzt. Er spricht, schwärmt, träumt vom Wald, weint um das galoppierende Dahinschwinden dieses Biotops, führt akribisch Buch über dessen Sterben – und offenbart sich als ein trauriger einsamer Wolf, der die nicht kriegt, die er (verächtlich) begehrt (Elena) und die nicht liebt, die sich nach ihm verzehrt (Sonja). Er trinkt – zu viel – er scheitert - als Mensch und als Arzt – er resigniert, er wird boshaft, er bleibt harmlos. Warum denn bloß? Warum ist er denn nur so selbstzerstörerisch? Er stürzt sich in atemlose Wortkaskaden über Vernichtung und Bewahrung der Umwelt und spricht dabei in Wahrheit nur von sich, von seinem eigenen verfallenden Körper und seiner verzagenden Seele.
Nicht nur Astrov, nein, der gesamte Haushalt auf Onkel Vanjas Gut erweist sich als ein dem Verfall geweihtes Öko-System: Der alte Professor Serebrjakov ist einer, der „sein Leben lang einen fremden Platz eingenommen hat“ um ein „Werk“ zu schaffen, das niemand kennt. Gelähmt im Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit (er fühlt sich als was besseres, kann es aber nicht bezahlen) lebt er – bis auf weiteres - auf dem Gut und auf Kosten seines Schwagers, des Bruders seiner ersten Frau und seiner Tochter aus dieser Ehe, Sonja.
Elena, seine zweite, viel jüngere Frau, musste wohl oder übel mitkommen und an seiner Seite mit schmarotzen. In dem Maße, in dem sie ein Fremdkörper ist, ein buchstäblich fremder Körper in dieser Umgebung, wird auch ihr der eigene Körper fremd: sie findet sich reduziert auf die wunderschöne Exotin, den Erotik-Import. Als Verlorene stellt sie eine morbide Verlockung für die ortsansässigen Männer dar: Vanja und Astrov. Elena will von keinem was – aber sie weidet ihre unterforderte und entfremdete Libido an dem Begehren der beiden Männer. Selbst als sie sich zur Fürsprecherin der vergeblich in Astrov verliebten Sonja aufschwingt, mutiert dieser „Anfall“ von weiblicher Solidarität unter der Hand zu einem quälend folgenlosen
Pseudo-Flirt – einem Katz-und-Maus-Spiel mit Astrovs erschöpfter Geilheit. Und so weiter, und so weiter…. Onkel Vanja arbeitet nicht mehr, er verkommt und gefällt sich in zynisch-coolen Sprüchen. Sonja arbeitet umso unermüdlicher, in dumpfer Humorlosigkeit – auch das bereitet niemandem Freude – am wenigsten ihr selbst. Die alte Mutter von Vanja hat noch nie verstanden, worum es ging - hat das aber auch noch nie begriffen – ist also dermaßen dumm, dass sie sich für klug hält… Jeder von uns und jeder Zuschauer kann sich da sein Spiegelbild aussuchen – keiner kommt davon. Auch unsere heutigen Menschen-Familien-Firmen-National-Kontinental-Systeme kippen.

Mit andern Worten: ob der Wald stirbt, ob die Pole schmelzen, ob das Klima verrückt spielt – ob wir darüber reden, Konferenzen abhalten und Protokolle unterzeichnen – ob wir den Müll trennen oder vermeiden …. Das alles kann nur so wirksam sein, wie unsere eigenen Lebenssysteme in Bewegung geraten. Und wodurch geraten sie in Bewegung? Durch Cechov?
….. bitte wieder von*) lesen. Ist das absurd? Aber ja. Und zum Lachen. Das hilft immer.